Wettbewerb "RathausQuartier"

2. Rundgang - Steiner Weißenberger Architekten Berlin

in Zusammenarbeit mit Landschaftsarchitekt: Henningsen Landschaftsarchitekten PartG mbB, Berlin

Erläuterungsbericht

Konzept und Städtebau

Die grundlegende Idee des Entwurfs bildet die Arrondierung des Rathausquartiers durch zwei zweigeschossige Gebäude mit Dachgeschoss und zwei eingeschossige Eingangsbauwerke an den Bestandsgebäuden Haus Rolle und dem Rathaus.

Die Eingänge der zentralen Funktionen des Quartiers, das Rathaus mit der Rathauserweiterung, der Verwaltungsneubau, die Bibliothek mit Heimatmuseum und Ratssaal orientieren sich dabei entlang einer öffentlichen Passage, die die Hauptstraße im Norden über den Innenbereich mit dem Parkplatz und Stadtwald im Süden verbindet. Somit werden alle Funktionen zu dieser Passage hin adressiert. Das Haus Laetitia wird dabei von dieser Passage umspielt, bleibt aber als eigenständiges Gebäude und nicht als Teil des Rathausfunktionen sichtbar.

Die Rathauserweiterung und das Übergangsbauwerk zu Haus Rolle sind als eingeschossige Baukörper geplant, um im Sinne des Denkmalschutzes die Dominanz der denkmalgeschützten Gebäude in ihren Volumen möglichst zu erhalten.

Die bestehenden Durchblicke von der Ostseeallee zum Stadtwald werden durch die Stellung der geplanten Gebäude ebenfalls erhalten. Eine wettergeschützte Verbindung der Gebäude ist unterirdisch geplant und wird über Oberlichter belichtet. Die Vorgartenzone an der Ostseeallee erhält einen repräsentativen Charakter.

Das Gestaltungselement der Fensterreihen und der zentralen Eingänge an den verschiedenen Fassaden lehnt sich dabei an die Fassadengliederung des Haus Laetitia an. Das Material der Fassade mit einem hellen Ziegel vermittelt zwischen den hellen Putzfassaden der Bestandsbauten von Haus Laetitia und Rathaus, sowie der Materialität des Haus Rolle und bildet zugleich eine sehr robuste und nachhaltige Außenhülle

 

Architektur

Der Anbau am Bestandsrathaus

Die Rathauserweiterung wird als 1-geschossiges neues Eingangsbauwerk an der östlichen Giebelseite des Bestandsrathauses vorgesehen. Das zusätzliche Treppenhaus für die Schaffung eines 2. Rettungswegs sowie einem Aufzug für die barrierefreie Erschließung wird in das bestehende Rathausgebäude implantiert, ebenso die Erweiterung der Sanitärbereiche. Dadurch entfallen in jedem Geschoss zwei Räume. Um diesen Raumverlust zu kompensieren, wird die Abteilung Finanzen–20 in dem neuen Verwaltungsgebäude untergebracht und die im Bestandsrathaus verbleibenden Abteilungen umorganisiert.

Nur so ist es möglich, im Sinne des Denkmalschutzes das Erscheinungsbild des historischen Rathausgebäudes auch an der östlichen Seite weitgehend unverändert und eigenständig zu lassen und nicht mit einem Erweiterungsbauwerk an das Mansarddach anbauen zu müssen.

Die geplante Rathauserweiterung setzt sich so in Material und Form vom denkmalgeschützten Bestandsbau ab und arrondiert zugleich als neuer Eingang das Gesamtensemble.

 

Der Verwaltungsneubau

Der neue Verwaltungsbau sitzt in der Achse von Haus Laetitia ohne die seitlichen Fluchten zu überbauen. Über zwei Geschosse und ein Dachgeschoss sind die Abteilungen Bauamt, Hauptamt, das vom Bestandsrathaus verlagerte Finanzamt sowie die Gemeinschaftsräume untergebracht.

Die Adressierung findet durch einen prägnanten Eingang mit Vordach nach Norden zur Passage statt. Von hier erstreckt sich ein repräsentatives Treppenhaus mit Möglichkeiten für Wartebereiche und kleinen Ausstellungsflächen bis ins Dachgeschoss.

Durch die Anordnung der Büroräume ist eine Arbeit im Team oder in kombinierten Gruppen und Einzelbüros möglich.

Die Dachform vermittelt zwischen den Höhen von Haus Laetitia und bildet moderne Interpretation der Steildächer der Bestandsbauten.

 

Der Erweiterungsbau Bibliothek und Ratssaal

Der Erweiterungsbau von Haus Rolle nimmt die Bibliothek und den Ratssaal auf. Über einen eingeschossigen Verbindungsbau ist der Erweiterungsbau mit Haus Rolle verbunden. Die getrennten Eingänge adressieren nach Westen zur Passage. Im eingeschossigen Verbindungsbau befindet sich der Eingang in die Bibliothek. Von hier erreicht man die beiden Bibliotheksebenen und das Heimatmuseum in Haus Rolle. Über den im rückwertigen Flurbereich von Haus Rolle eingebauten Aufzug ist eine barrierefreie Anbindung möglich, ohne einen Anbau auf der Giebelseite des denkmalgeschützten Hauses vornehmen zu müssen.

Der Ratssaal besitzt einen separaten Eingang mit Foyer und befindet sich unter dem Dachstuhl, der die Steildächer der Neubauten auch von innen erlebbar macht. Von hier aus eröffnet sich über Haus Rolle ein Blick bis zur Ostsee. Der Ratssaal ist teilbar.

Auch hier bildet die Dachform eine Vermittlung der Höhen und moderne Interpretation der Steildächer der Bestandsbauten, dabei wird die Traufhöhe von Haus Rolle aufgenommen.

 

Das Tiefgeschoss

Das Tiefgeschoss bildet die Verbindung der einzelnen Gebäude und bietet Flächen für Haustechnik, Lagerräume etc. Im Bereich unter dem Parkplatz befindet sich eine Tiefgarage für 60 Stellplätze.

 

Freiraum

Der repräsentative Charakter entlang der Ostseeallee bleibt bestehen, während der zurückversetzte Platz die Aufmerksamkeit lenkt und das neue Rathausquartier in sich verbindet. Es entstehen Platzflächen vor den Gebäuden mit Aufenthaltsqualität durch verschiedene Sitzgelegenheiten und gliedernde Beete bieten. Die bestehenden übergeordneten Fuß- und Radwegeverbindungen werden aufgenommen und der Besuchende am Rathaus vorbei zum Bahnhof oder dem Parkplatz geleitet.

Das Rathausquartier wird von motorisiertem Verkehr freigehalten, welcher zukünftig über die Zufahrt hinter Haus Rolle organisiert wird. Südlich des Quartiers befindet sich -wie im Bestand- der Parkplatz mit 53 oberirdischen Stellplätzen (inklusive 7 Behindertenstellplätze). Entlang der Seitenstraße zur Ostseeallee befinden sich 8 weitere Stellplätze von denen 4 Stellplätze Behindertenstellplätze sind. Die Zufahrt zur Tiefgarage ist südöstlich im Bereich des Parkplatzes angeordnet, so dass bei voller Belegung die Stellplätze unterirdisch zur Verfügung stehen.

Die Grünflächen ziehen die räumlich angrenzenden waldartigen Strukturen entlang des Meeres und des Stadtwaldes in das Rathausquartier. Die repräsentativen Grünflächen vor den Gebäuden werden erhalten und weiterentwickelt. Ein besonderes Augenmerk wird auf robuste Pflanzen gelegt mit besonderem Blühaspekt für Menschen und Tiere (Insekten). Die Beete auf der Platzfläche des Rathausquartiers werden mit niedrigen Sträuchern und Stauden bepflanzt. Es werden heimische Pflanzen verwendet und der besondere Bezug zum Meer und angrenzenden Stadtwald thematisch aufgenommen. Die Bestandsbäume werden weitestgehend erhalten, lediglich im Bereich der Neubauten und des Stellplatzes (Tiefgarage) ist ein Erhalt nicht möglich.

Verschiedene Sitzgelegenheiten laden zum Aufenthalt ein, vor dem Gebäude mit Bibliothek und Ratssaals befinden sich Tisch-Bank-Kombinationen, wo Arbeitsgruppen sich treffen können oder ausgeliehene Literatur studiert werden kann. Zur Stärkung des nichtmotorisierten Verkehrs werden den Gebäuden jeweils Fahrradstellplätze zugeordnet, welche nach Bedarf erweitert werden können. Eine Mülleinhausung ist entlang der Zufahrt gut zu erreichen für die Müllabfuhr eingeplant. Bei Bedarf ist auch eine dezentrale Lösung möglich. Die Feuerwehrzufahrt erfolgt über die Zufahrt östlich, Aufstellflächen befinden sich südlich der Gebäude auf dem Parkplatz.

 

Konstruktion

Die Neubauten werden in einer Mischbauweise errichtet um ökologische, ökonomische, nachhaltige Aspekte und Anforderungen aus dem Brandschutz und Tragwerk miteinander zu verbinden.

Die Treppenkerne werden mit Stahlbetonfertigteilen mit fertiger Sichtoberfläche errichtet. Die Sonstigen Tragenden Außenwände werden als Holzständerkonstruktionen oder Brettschichtholzkonstruktionen realisiert. Hierbei wird jeweils eine Etage als eine Nutzungseinheit realisiert, so dass weitere brandschutztechnische Trennungen nicht notwendig sind.

Die Decken werden als Holz-Beton-Verbund-Decken realisiert, was einerseits dem Brandschutz genügt und andererseits die notwendigen Speicherkapazitäten realisiert. Akustikmaßnahmen erfolgen partiell in Deckenbereichen, auf die Montage von flächigen Abhangdecken soll verzichtet aufgrund der Aktivierung der Speicherkapazität weitestgehend verzichtet werden.

Die Dachkonstruktion erfolgt als sichtbar als lasierte BSH-Holzbalken mit Holzschalung und aufliegender Dämmung.

Für eine flexible Nutzung und Änderung der Bürogeschosse erfolgt die Konstruktion im 2-Feldsystem mit inneren tragenden Stützen und tragenden Außenwänden. Durch die verwendeten einfachen Statischen Systeme und üblichen Spannweiten sowie Vermeidung von komplexen Abfangungen wird eine wirtschaftliche Bauweise erzielt.

Sämtliche weiteren Innenwände sind nichttragend entweder in einem Holzständer oder Systemwandprinzip.

Die Tiefgarage und die Kellerbereiche werden als Weiße Wanne in Stahlbeton realisiert. Hierbei wird auf eine ausreichende Überdeckung geachtet, so dass anfallendes Regenwasser über Mulden seitliche an der Garage versickern kann.

 

Energetisches Konzept / Nachhaltigkeit, Ökologie

Die Neubauten erhalten eine energetisch hochwärmegedämmte Außenhülle über hinterlüftete Ziegelvorsatzschalen. Die Dämmschicht erfolgt vorzugsweise mit Recyclingprodukten oder Holzwolle und nach außen diffusionsoffenen Konstruktionen, die Dachdämmung als HWL-Aufdachdämmung mit diffusionsoffener, hinterlüfteter Metalldeckung und darin flächig integrierten Photovoltaik-Modulen. Die Fenster werden als 3-fachverglasung mit integrierten schmalen Drehelementen für die Nachtlüftung und außenliegenden Sonnenschutz, sowie innenliegenden Blendschutz konzipiert.

In Kombination mit der Speicherkapazität der Holz-Beton-Verbund-Decken und den tragenden Stahlbetonkernen ergibt sich so ein angenehmes Raumklima ohne bautechnisch anfällige Folienkonstruktionen.

Es wird vorgeschlagen, die Neubauten zusammen mit den Altbauten in ein Nahwärmeverbundnetz zusammenzubinden, welches unter der Decke der Tiefgarage geführt wird und mittels kaskadierender Wärmepumpen beheizt wird. Dieses Netz kann auf die gfs. notwendigen höheren Vorlauftemperaturen der Altbauten ausgelegt sein und in den Neubauten auf einem niedrigeren Temperaturniveau betrieben werden die Beheizung erfolgt in den Räumen über Fußbodenheizung oder Statische Heizkörper je nach Funktion und Anforderung an die Variabilität der Räume.

Aufgrund der Lage des südlichen Grundstücksteils nur im WSG IV und außerhalb des Küstenschutzgebietsstreifens wird die Erzeugung der Wärme über Erdwärmesonden empfohlen, alternativ wäre auch eine Außenaufstellung im Parkplatzbereich von Split-Luftwärmepumpen oder aufgrund des vorhandenen Gasanschlusses einer Gas-Absorptionswärmepumpe denkbar.

Auf Basis der Bestandsgutachtens des Hauses Rolle mit seiner einschaligen Bauweise mit 40cm Ziegel-Außenwänden, Holzbalkendecken und einem nicht gedämmten Dachstuhl wird als energetische Maßnahme die Herstellung einer 4-6cm kapillaraktiven folienfreien Innendämmung z.b. auf Tonbasis an allen opaken Außenwänden, in Kombination mit einer in der Sparrenlage liegenden Dämmebene und der Neuerstellung der Dachdeckung als hinterlüftete Konstruktion in gleicher Höhenlage wie Bestand vorgeschlagen. Die Kastenfenster sollten aufgrund ihrer Gestalterischen Qualität und Zustand so erhalten bleiben und entsprechend nur über Dichtungen oder gfs. den Einbau von Isolierverglasung in der inneren Ebene ertüchtigt werden. Über eine Horizontalsperre in Kombination mit der Erneuerung der Vertikalabdichtung unter Erdreich sollte die im Bestand vorhandene sichtbare Abdichtung des Außenbereiches kompensiert werden.

Es wird vorgeschlagen, anstatt der Nutzung der vorhandenen Gastherme eine Integration in das Nahwärmenetz der Neubauten vorzunehmen.

Auf Basis der energetischen Qualität des Bestandsgebäudes des Rathauses sollte eine Einbindung in das beschriebene Nahwärmenetz gfs. mit anderen Vorlauftemperaturen oder unter Austausch der Heizkörper erfolgen, um eine ganzheitliche Wärmeversorgung zu realisieren.

Aufgrund des Denkmalschutzes wird auf eine PV-Anlage auf dem Dach von Haus Rolle und Rathaus verzichtet und dachintegriert auf den Neubauten realisiert.

Die WW-Trinkwasserversorgung erfolgt in Alt- und Neubauten dezentral an den notwendigen Stellen über Untertischspeicher oder Durchlauferhitzer.

Die Belüftung der Büroräume erfolgt über seitlich im Fenster integrierten Drehelemente, die in verschiedenen Stellungen Tag- und Nachtlüftung sicherstellen.

Die Belüftung von WC-Anlagen erfolgt über Be- und Entlüftungsanlagen mit WRG. Die Lüftung der Bibliothek und des Ratssaals erfolgt über jeweils dezentrale und bedarfsgeführte Be- und Entlüftungsanlagen mit WRG und Zuheizung oder Kühlung über das Nahwärmenetz.

Die Beleuchtung erfolgt auf LED-Basis vorzugsweise in einem Direkt- und Indirektanteil. Zudem sorgen großzügige Fensterbereiche für die natürliche Belichtung der Räume.

Die Belüftung der Garage erfolgt aufgrund des zu erwartenden Zu- und Abgangsverkehr über eine natürliche Lüftung durch Lüftungsöffnungen und Lüftungsschächte, um auf eine Lüftungsanlage zu verzichten.